Werde ich alt? Mit 24?

Noch 40 Jahre bis zur Rente - ein niederschmetternder Gedanke

Der Einstieg in den ersten Job ist hart: Jeden Tag ins Büro und abends Erwachsenenkram wie Versicherungen und Steuererklärung. Wie hält man das durch? Eine Anfängerin über Fluchtgedanken und Fertigpizza.

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

Die erste Woche im ersten Job. Auf einmal habe ich Verantwortung. Die Hausarbeiten an der Uni? Haben nicht mal den Prof wirklich interessiert. Gute Noten? Brauchte ich nur für mich selbst. Alles, was ich bisher gemacht habe, hat höchstens eine Handvoll Personen beeinflusst. Das ist jetzt anders.

Nach ein paar anstrengenden ersten Tagen ist endlich Wochenende. Ich versinke zwei Tage lang im Sofa und glotze alle Teile der ersten Staffel einer neuen Serie. Bewegung? Sport gar? Wäre viel zu anstrengend nach den Strapazen der Arbeit. Zum Glück habe ich beim letzten Einkauf vorausschauend Instantnudeln und Fertigpizza mitgenommen.

Montagmorgen, weiter gehts. Ich wundere mich, dass meine Kollegen noch richtige Hobbys, Freunde und eine Familie haben. Wann machen die das alles? Ich bin abends selbst zum Lesen zu müde. Mich beschleicht die Erkenntnis, dass der Satz "Das Studium ist die beste Zeit des Lebens!" womöglich doch stimmt. Und frage mich, ob ich mich richtig ausgelebt habe. Ich bin sicher: Das aufregende Leben ist vorbei.

Woche Nummer drei. Heimlich denke ich während meiner Arbeitszeit darüber nach, in welchem Beruf ich dem Büroalltag wohl am schlauesten entkommen kann. Denn ernsthaft: acht Stunden lang nur am Schreibtisch sitzen?! Für den Rest meines Lebens? Urgh. Nicht mit mir.

Ich finde es am Wochenende inzwischen total super, den Tag zu verschlafen, brauche eine Menge Zeit für mich und gehe zu allem Überfluss gern spazieren. Werde ich alt? Mit 24? Ich esse lieber Kuchen und trinke Tee statt auszugehen und finde das erschreckenderweise gar nicht so schlecht. Mittwochabend habe ich die sechste Staffel meiner neuen Serie durch. Die Darsteller sind meine neuen Freunde.

Woche vier. Heute Morgen hat sich mein größter Albtraum erfüllt: Der Kaffee war alle. Um sieben Uhr aufstehen ist ganz klar eine Zumutung des Systems. Mit blutunterlaufenen Augen schleppe ich mich durch den Tag - und gehe abends trotzdem erst um eins schlafen, weil ich mich einfach nicht an diesen komischen neuen Rhythmus gewöhnen kann.

Als ich am Abend von der Arbeit nach Hause komme, fällt mir auf Facebook ein Text über Steuererklärungen ins Auge. Oh Gott, das muss ich bald auch tun. Keine Ahnung, wie das geht. Ich frag mal Papa. All diese Erwachsenensachen hatte ich im Studium gekonnt ausgeblendet, aber vielleicht sind Versicherungen und Vorsorge doch gar nicht so spießig.

Freitagabend. Ich beschließe, so etwas wie ein soziales Leben zu führen, und gehe endlich mal wieder feiern. Der nächste Tag rächt sich mit einem heftigen Kater. Das war auch mal anders. Dabei muss ich samstags doch auf einmal ALLES erledigen, was ich unter der Woche nicht mehr hinkriege. Das Fahrrad hat schon seit Wochen kein Licht mehr, aber immerhin schaffe ich es zum Friseur.

Nach sechs Wochen weiß ich, dass das ganze Auswendiglernen im Studium, doch gar nicht so schlimm war. Auch schwierige Aufgaben zu rechnen und komplizierte Modelle zu verstehen - das ist einfach etwas anderes, als wirklich produktiv sein zu müssen.

Ist das nur die Umstellung oder werde ich es immer so anstrengend finden? Die Kollegen sagen, es wird bald besser. Hoffentlich haben sie recht.

 

Quelle: www.spiegel.de

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