Netzwerken wird oft mit Leistungssport verwechselt

Ein gutes Netzwerk lebt von einem Gespür für Menschen und Geschichten. Ein „Mehr“ von Kontakten heißt nicht automatisch „mehr“ Netzwerk. Weniger Speed-Dating, mehr Entspanntheit!

Speed-Networking, Meet-ups, Kamingespräche – die Liste der Formate, die uns mit anderen zusammenbringen sollen, ist lang. Ein gutes Netzwerk hilft im Business und im Privaten. Ob im Job, wenn es um Kooperationen, Zusammenarbeit oder inhaltlichen Austausch geht, oder im Privaten, wenn Tipps für Freizeitaktivitäten, Kinderbetreuung oder schlichtweg ein guter Elektriker gefragt sind. Doch was bedeutet das eigentlich: ein „gutes“ Netzwerk? Und wie eines aufbauen, pflegen und gleichzeitig darauf achten, dass es für alle Seiten bereichernd bleibt? Netzwerk-Tipps sind heute gefragter denn je, da unser Optimierungshype auch im Umgang mit anderen angekommen ist. Wir managen und timen unsere Terminkalender so, dass jedes Treffen, jedes Meeting auf Erfolg „getrimmt“ wird. Und wenn ein Treffen ohne konkreten Output endet, ist der Kontakt erst mal für lange Zeit aussortiert. Wir müssen Netzwerken nicht nur neu, sondern wesentlich entspannter denken. Dazu gehört in erster Linie ein Gefühl für sein Gegenüber und dessen Geschichte zu haben – oder zu entwickeln.

Beim Thema „Gespür für Menschen“ fällt mir immer folgende Anekdote ein. Mit einem Kollegen besuchte ich eine Veranstaltung, und er hatte seine fein säuberlich sortierten Visitenkarten in der Hand und war zur Übergabe bereit. Als am Nachbartisch ein passender Kandidat auftauchte, flüsterte mir mein Kollege zu: „Nehmen wir den mit?“. „Wohin??“ kam es aus mir rausgeschossen. Er schaute mich verblüfft an, zeigte auf seine Visitenkarten und sagte: „Na, Kontakte, Kontakte, Kontakte!“ – und war schneller weg, als ich blinzeln konnte. Für mich war klar: Wenn das Networking ist, sind die Get-together-Events keine erstrebenswerten Abendbeschäftigungen. Im Laufe meiner beruflichen Stationen habe ich jedoch festgestellt, dass es auch anders geht. Und vor allem: anders viel besser geht. Präsenz auf Branchen- und branchenübergreifenden Events ist wichtig, aber nicht weil es um das „Gesehenwerden“ geht. Sondern vielmehr, weil es einen selbst trainiert, über den Schatten zu springen, insbesondere dann, wenn einen keiner begleitet. Das beste Empathie-Training, das ich empfehlen kann. Allein ist es eher möglich, sich auf das Gespräch mit dem Gegenüber einzulassen und zu erfahren, wie der andere „tickt“. Sehr hilfreich, wenn es später darum geht, ein gemeinsames Projekt anzugehen oder eine Bitte vorzutragen.

Es lohnt sich auch ein Termin ohne konkrete Agenda

Qualität setzt sich auch beim Thema Netzwerk durch. Wer kennt sie nicht, die „Jeden-Kenner“-Menschen, die schon der beste Freund von jemandem sind, dessen Namen man noch nicht ausgesprochen hat. Auf den ersten Blick erscheint das eigene Netzwerk dagegen unbedeutend. Aber keine Angst. Der „Jeden-Kenner“ kocht auch nur mit Wasser. Wo vermeintlich eine tiefe Freundschaft bestand, ist nach genauerem Fragen eine flüchtige Bekanntschaft, die jetzt nicht so belastbar ist, als dass ein „Intro“ gemacht werden könnte. Statt also ein „Mehr“ an Kontakten zu forcieren, sollten wir in diesem Fall lieber auf langsames Wachstum setzen. Kontaktpflege braucht Zeit, vor allem aber auch den Raum, Ideen zu entwickeln, wie gemeinsam etwas erreicht werden kann. Mit ein paar Kontakten, die treu und loyal sind, kann mehr erreicht werden als mit einem anonymen und schnelllebigen Netzwerk. Die über die Jahre gewachsenen und krisenerprobten Netzwerke sind doch die, die am meisten bewirken.

Noch nie war es einfacher, mit Menschen in Kontakt zu treten, die weit weg erscheinen – beruflich und geografisch. Und noch nie war es leichter, das Netzwerk zu pflegen, auch wenn unser Zeitbudget knapp ist. Gesprächspartner gehen so vorbereitet in erste Treffen, dass direkt bei Projektideen oder möglicher Zusammenarbeit angesetzt werden kann. Und dennoch sind viele, wenn es um das Thema Netzwerken geht, nicht entspannt. Die Woche ist vollgepackt mit Lunch-Dates und Meetings. Und der ständige Begleiter ist die Erwartungshaltung, dass sich die Termine auch lohnen müssen. Stattdessen lohnt sich auch mal ein Termin ohne konkrete Agenda. Das vorsichtige Aufbauen des Kontakts kann auch ganz bereichernd wirken, denn es entstehen Ideen, mit denen vorher keiner gerechnet hat und die vielleicht nicht immer dem gleichen Trampelpfad entsprechen. Netzwerken ist kein Leistungssport, sondern im Idealfall ein lebenslang bereichernder Begleiter!

Quelle: www.xing.com

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