Frag die Karriereberaterin.

Mit dem Expressaufzug flink nach oben? Gelingt nicht immer

Nichts darf er selbst entscheiden, tritt im Job seit Jahren auf der Stelle - Ingenieur Julian hasst dieses bleierne Gefühl. Was jetzt? Karriereexpertin Svenja Hofert hilft bei der Suche nach einer besseren Perspektive.

Julian, 31, hat einen Masterabschluss als Wirtschaftsingenieur. Der Berufseinstieg klappte sofort, aber jetzt hängt er seit fünf Jahren auf derselben Stelle im Vertrieb einer süddeutschen Maschinenbaufirma fest. Bei jeder Kleinigkeit muss er seinen Chef fragen, kann nichts selbst entscheiden und hat das Gefühl, langsam zu verdummen. Perspektiven? Fehlanzeige. "Mein Chef ist 40, wenn er noch 25 Jahre bleibt, ist das für mich Höchststrafe", klagt Julian in seiner Mail.

Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Flache Hierarchien - damit werben inzwischen viele Unternehmen. Auch in den Konzernen gilt seit Jahren: weniger Ebenen, dafür mehr Flexibilität. Zugleich beißen sich gerade in größeren Unternehmen viele Manager auf ihren Positionen fest; dort ist die Wechselbereitschaft erheblich niedriger als etwa in einer Unternehmensberatung oder manchem kleineren Unternehmen.

Julian befürchtet, dass sein Chef noch 25 Jahre bleibt und er selbst nie vorankommt. Keine schönen Aussichten.

Jedenfalls wenn Sie annehmen, dass sich Ihr Job nicht mehr verändern wird - was angesichts der wirtschaftlichen Dynamik unwahrscheinlich ist. Firmen haben durch sogenanntes Job Enrichment und Job Enlargement arbeitspsychologisch passende Instrumente, um Langeweile und Unterforderung zu vermeiden, auch ohne Angestellte dauernd zu befördern.

Job Enrichment ist die Anreicherung des Jobs um anspruchsvollere, verantwortlichere Aufgaben. Job Enlargement bedeutet, dass es weitere Aufgaben auf dem gleichen Anforderungslevel gibt. Vielleicht kann ein zusätzliches, abteilungsübergreifendes Projekt neue Spannung in Julians Arbeitsalltag bringen? Vielleicht gäbe es etwas aufzubauen, zu evaluieren, neu zu gestalten?

Geben Sie dem altmodischen Chef Nachhilfe

Viele Unternehmen und Führungskräfte halten akademische Mitarbeiter immer noch wie abhängige, unmündige Lohnarbeiter. Sie trauen ihnen nicht zu, etwas selbst zu entscheiden. Das Menschenbild dahinter: Der Angestellte ist arbeitsunwillig, kann und will kaum Verantwortung übernehmen - ein "X-Mensch" im Gegensatz zum "Y-Menschen", der aus freien Stücken und mit hoher Selbstmotivation handelt. So umriss der amerikanische Management-Pionier Douglas McGregor die Dynamik in Unternehmen und favorisierte selbstbestimmtes Arbeiten in flachen Hierarchien.

In Firmen, die ein X-Bild Ihrer Mitarbeiter pflegen, wird es schwer, sich zu entfalten. Jedoch sollten Sie nichts unversucht lassen. Wer unterfordert ist, darf das auch dem Chef signalisieren! Vielen Führungskräften ist ihre argwöhnische X-Haltung gar nicht bewusst. Sie sind überrascht, wenn Menschen prima ohne Kontrolle und Anleitungen arbeiten können, deutlich besser sogar.

Julian könnte darüber sprechen, was er empfindet, auch über die gefühlte Ausweglosigkeit. Ja, damit geht er das Risiko ein, sich unbeliebt zu machen. Aber will er in einem Unternehmen, das Offenheit bestraft, wirklich auf Dauer bleiben?

Nimmt ein Vorgesetzter die Bedürfnisse nicht ernst, hilft in einigen Unternehmen die Personalentwicklung. Im besten Fall haben die Mitarbeiter dort eine Coaching-Ausbildung, fördern die Stärken der Mitarbeiter und finden optimale Einsatzbereiche. Andernfalls kann es sich lohnen, Kontakte zu anderen Abteilungen aufzubauen - denn vielleicht weiß dort jemand Ihr Engagement mehr zu schätzen.

Echte Teamarbeit statt Führung von oben

Der Eindruck festzustecken kann auch mit falschen Erwartungen zu tun haben, etwa an einen rasanten Aufstieg. Viele unterschätzen zudem, dass gute Netzwerke oft mindestens so wichtig sind wie die Leistung selbst. Der Aufbau von guten Beziehungen kann für gute Angebote sorgen, innerhalb wie außerhalb des Unternehmens.

Mehr Verantwortung einzufordern und neue Aufgaben durchzusetzen, ist ebenfalls nicht jedermanns Sache. Das erklärt, warum sehr leistungsstarke Mitarbeiter mitunter an Grenzen stoßen. Ja, sie sind bestens ausgebildet und motiviert - aber Machtausübung, etwa in Form von Durchsetzung und Dominanz, ist ihnen wesensfremd.

Was für Sie, Julian, wichtig ist zu klären: Was genau bedeutet Feststecken für Sie, welche Vorstellungen von Karriere verknüpfen Sie damit? Aufstieg ist längst nicht mehr an Mitarbeiterführung gebunden. Unternehmen aller Branchen erkennen die Vorteile agiler Arbeitsweisen; sie lösen die herkömmliche Von-Oben-Führung auf zugunsten einer Selbststeuerung von Teams. Wird das konsequent gelebt, entscheiden Teams gemeinsam, auch über die Aufgabenverteilung.

Damit ändern sich Joballtag und Arbeitsklima fundamental. Die ständige Reflexion, das Offenlegen des Fortschritts in agilen Projekten - es ist eine Anti-Langeweile-Garantie. So wie Reflexion generell ein Zaubermittel ist. Drei einfache Fragen helfen immer: Was ist im Job zuletzt gut gelaufen? Was könnte besser laufen? Was will ich als nächstes tun?

Quelle: XING Branchen-News

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